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Vicco von Bülow, genannt Loriot

Herrn Morschs Nachruf auf einen ehemaligen Schüler

Beinahe wäre der Geburtstag des kleinen Victor doch noch verbunden gewesen mit einem Schicksalstag der deutschen Geschichte. Aber nicht am 9. November 1923, als Hitler zum Sturm auf die Münchner Feldherrnhalle ansetzte, sondern drei Tage später wurde Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow geboren; dies geschah in Brandenburg an der Havel, wo - nennen wir jetzt schon seinen späteren Künstlernamen - Loriot seine frühe Kindheit bis zum vierten Lebensjahr verbrachte. Aber seiner Mutter ging es gesundheitlich (und auch als Ehefrau) nicht gut. So wurden Victor und sein jüngerer Bruder nach Berlin zu Großmutter und Ur-Großmutter geschickt. Seine erste Berliner Adresse: Pariser Straße 55 (Ecke Fasanenstraße) im Bezirk Wilmersdorf. In der Nachbarschaft lebt bereits eine Familie, die bald und auch später deutsche Geschichte schreiben sollte: von Weizsäcker. Vater Ernst von Weizsäcker wurde 1938 (bis 1945) unter Hitler Staatssekretär im Auswärtigen Amt, dessen Sohn Richard war von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin und danach bis 1994 amtierender Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschlands.  
Nicht weit entfernt von der Pariser Straße befand sich die Volksschule in der Nachodstraße 17, die Victor bis 1930 besuchte, während der spätere Bundespräsident in der Pfalzburger Straße bereits Sextaner des Bismarckgymnasiums war (auf das sich heutzutage das altsprachliche Goethegymnasium in Wilmersdorf beruft).  Kurz darauf zogen die beiden alten und die beiden jungen von Bülows um die Ecke an den Hohenzollerndamm, wo das Haus, das sie fortan bewohnten, heute noch zu sehen ist: Hohenzollerndamm 12.
Loriots Eltern waren mittlerweile geschieden, eine Rückkehr in die Stadt Brandenburg kam somit nicht mehr in Frage, zumal der Vater in Berlin erneut heiratete. Ein erneuter Umzug stand an.
Und mit diesem Umzug nähern wir uns nicht nur stadtgeografisch unserer Schule in der Beuckestraße!
Die Familie zog in die Zehlendorfer Radtkestraße (an der Berlepschstraße). Dort befand sich die noch heute existierende Genossenschaftssiedlung, die ein gewisser Architekt Paul Mebes zwischen 1919 und 1921 errichtet hatte. Ja, dieser Paul Mebes hatte mittlerweile einen guten Namen in Zehlendorf, war er doch auch der Architekt der Oberrealschule Zehlendorf. In seinem Gebäude an der Beuckestraße 27-29 befindet sich, als Denkmal geschützt, unser heutiges Schadow-Gymnasium.
Dieses Schadow-Gymnasium vereinigt seit 1945 zwei alte Schulen: Einmal die besagte Oberrealschule Zehlendorf (in unserem heutigen Haus), zum anderen das altehrwürdige Gymnasium Zehlendorf, altsprachlich und als Preußens schwerste Schule bekannt (im Gebäude der heutigen Beuckeschule).
Loriot besuchte vier Jahre lang, von 1934 bis 1938, dieses Gymnasium Zehlendorf. Er erinnert sich später noch an diese Zeit. In der allerneuesten Biografie lässt der Autor Dieter Lobenbrett ihn zu Wort kommen, wenn er von seiner Schulzeit am Zehlendorfer Gymnasium erzählt:
"Meine Leistungen in Mathematik und Griechisch ließen zu wünschen übrig. In den Fächern Deutsch, Zeichnen und Leibesübungen verfehlte ich nur knapp das Geniale."
Tag für Tag durchquerte er die Bahnunterführung, aus der Machnower Straße kommend. Diese Kreuzung am Teltower Damm wurde seinem Vater, dem Polizeibeamten Johann-Albrecht von Bülow, beinahe zum Verhängnis, als er sich dort im Jahre 1936 bei einem schweren Fahrradunfall an seinem eigenen Polizei-Degen schwer verletzte und im Fallen auch noch von einem Lastkraftwagen überfahren wurde.
Er konnte danach nicht mehr als Polizeibeamter Dienst tun, wechselte in einen anderen Beruf und verließ 1938 mit seiner Familie Zehlendorf in Richtung Stuttgart.
Die Zeit Loriots an unserem Zehlendorfer Gymnasium ging damit auch zu Ende.  
In Stuttgart besuchte Loriot das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, das er 1941 mit dem Notabitur verließ, als er Offizier wurde. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er, im Gegensatz zu seinem Bruder, der mit ihm zusammen in der Zehlendorfer Radtkestraße gewohnt hatte.

Loriot wurde  in den letzten 50 Jahren  d e r  Humorist der Bundesrepublik Deutschland, - als Zeichner, Regisseur, Bühnenbildner und Kabarettist. Seine Zeichenfiguren Wum und Wendelin, seine Sketche mit Evelyn Hamann oder seine großen Kinofilme bleiben unvergessen.
Unvergesslich blieb ihm auch seine Schulzeit in Berlin mit den vier Jahren an unserem Gymnasium.
So war es keine Überraschung, dass er in unserer Stadt seine letzte Ruhe suchte und hier auf dem Waldfriedhof an der Heerstraße am 30. August 2011 im engsten Familienkreis beigesetzt wurde.
... Und es war schon ein lustiger Vogel, dieser Loriot: Ein Vogel war es ja auch, der sein Familienwappen zierte: ein Pirol. Pirol heißt übrigens auf Französisch: Loriot. 
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